Biografisches Interview

Peter Robert Keils Erinnerungen an sein Leben und Werk

 

Wer Peter Robert Keils Arbeiten sieht, kann sich seiner Ausdruckskraft nicht entziehen. Nicht zufällig ist der Künstler in zahlreichen Sammlungen zwischen Sankt Petersburg und West Palm Beach vertreten. Und nicht umsonst kauften Schauspieler wie Götz George und Arnold Schwarzenegger seine Werke, gab Modezar Gianni Versace noch kurz vor seinem Tod zwei Gemälde in Auftrag, schätzen auch Kollegen wie Markus Lüpertz seine Arbeiten. Der Künstler selbst bildet sich nichts darauf ein. Er sei noch immer derselbe einfache Junge, der er mal war, sagt er.

Keil ist Kriegskind. Zweieinhalb Wochen, bevor Hitler zum Sturm auf Stalingrad bläst, wird er am 6. August 1942 in Züllichau, heute Sulechów, in Pommern geboren. Seinen Vater, ein Kunstschmied und Marine-Leutnant, lernt er nie kennen, er kehrt aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück.

Wissenschaftler sagen, dass die autobiografischen Erinnerungen bis ins dritte Lebensjahr zurückreichen. Und tatsächlich sind in Keils Gedächtnis aus dieser frühen Lebenszeit Fragmente hängen geblieben. Es sind einzelne Bilder von dem Flüchtlingstreck, der aus dem Oderbruch gen Westen zieht, von der Großmutter, die bei einem Bauern erfolglos um etwas Milch bettelt, auch von dem Großvater, wie er in Potsdam vor ihm steht, als er aus der Gefangenschaft zurückkehrt – später pflegt er die Parkanlagen des Schlosses Sanssouci. Über anderen, hoch traumatischen Ereignissen liegt dagegen der Mantel des Vergessens. Keil wird erst sehr viel später von ihnen erfahren.

Mit zunehmendem Alter verdichten sich die Bildsequenzen. Da ist die Einschulung in der Ernst-Thälmann-Schule, da sind die russischen und deutschen Spielkameraden, unter ihnen auch der zwei Jahre jüngere Wolfgang Joop, genannt „Wölfchen“, Erinnerungen an eine Kinderwelt in einer idyllischen Umgebung. Und da ist ein Ereignis, das Keil nie wieder loslassen wird. Als er acht Jahre alt ist, taucht eine Frau mit ihrem Mann auf, die ihm als Tante und Onkel vorgestellt werden. Erst nach ein paar Besuchen wird ihm eröffnet, dass nicht seine Großmutter, sondern diese Frau seine Mutter und der vermeintliche Onkel sein Stiefvater ist. Sie nehmen den Jungen zu sich in den Wedding. In dem Berliner Arbeiterbezirk liegt auch seine neue Schule, und eine seiner neuen Klassenkameradinnen heißt Cornelia Froboess.

 

Der Wechsel von Potsdam nach Berlin ist extrem und brüsk. War Keil bislang von Wasser, Wald und Wiesen umgeben, besteht seine neue Lebenswelt nun aus grauen Häuserschluchten. Wenn er nachts sehnsüchtig aus dem Fenster starrt, sieht er Ratten so groß wie kleine Katzen über den Hinterhof huschen. Und bei Tageslicht erlebt er das Elend auf der Straße: Bettler und Besoffene treiben sich herum, Boxkämpfe werden für Geld mit blanken Fäusten ausgetragen, bis das Blut spritzt.

In dieser neuen Umgebung durchlebt Keil eine schwere seelische Krise. „Schicksalsjahre“ nennt er diese Zeit. Sie führt ihn aber auch mit seiner Mutter in die Bibliothek, wo er sich Kunstbücher ausleiht. Er macht Bekanntschaft mit der Malerei von Picasso und Beckmann, lässt sich berauschen von den Farben der Expressionisten, setzt sich mit den Werken von Impressionisten wie Cézanne, Monet und Rodin auseinander. Und er beginnt mit zehn Jahren selbst zu malen. Sein Arbeitsplatz ist auf dem Dachboden ein Tisch neben den Wäscheleinen, im Sommer dient ihm in der Wohnung der Eltern zudem die Abdeckung der Küchenmaschine als Unterlage. Erst kopiert er die großen Meister, allen voran Picasso, dann beginnt er mit Collagen. Entlang der Gehwege findet er die Objekte, die er zusammen mit Farbe auf grobem Sackleinen aufbringt.

 

Der Ortswechsel bringt den halbwüchsigen Keil mit Otto Nagel zusammen. Der „Arbeitermaler vom Wedding“ wird sein erster großen Lehrer. Er lernt ihn in einem Hinterhof in einer „Lumpenstampe“ kennen, die von den Eltern eines Freundes betrieben wird. Dort werden nach dem Krieg Uniformen und andere ausrangierte Textilien gesammelt, gepresst und als „gestampfte Lumpen“ zum Recycling verschickt. Auch Soldatenhelme und Degen stapeln sich hier. In einer Ecke des halb zerbombten Gebäudes sitzt Nagel und malt. Keil beschreibt den Künstler, der eng mit Heinrich Zille und Käthe Kollwitz befreundet war, als kleinen, zurückhaltenden und etwas kauzigen Mann. Seine Sujets findet er in dem Proletarier-milieu, dem er selbst entstammt: Hinterhöfe und Fabriken, Arbeiter und Prostituierte, Stadtlandschaften und an deren Rand die Natur. Nagel nimmt den zwölfjährigen Keil unter seine Fittiche. Er lehrt ihn Maltechniken, den Umgang mit Farben und die realistische Malerei, er zieht mit ihm los durch die Straßen, Hinterhöfe und an die Panke. Auf diese Weise lernt der Halbwüchsige von seinem Mentor, seine Umgebung mit anderen Augen zu sehen, mit den Augen eines Künstlers. Mit der Zeit wächst aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine Freundschaft, die 1961 mit dem Bau der Mauer getrennt wird.

 

Mit 15 Jahren trifft Keil in gut 1.600 Kilometer Entfernung auf einen weiteren bedeutenden Künstler. Sein Stiefvater – Keil bezeichnet ihn stets als Vater – unterstützt ihn großzügig mit einer Apanage, wie er es nennt, und ermöglicht ihm von 1957 bis 1962 sechs Winter auf Mallorca. Dort lernt der junge Berliner Joan Miró kennen. Zwischen dem Teenager und dem Mittsechziger entwickelt sich eine Freundschaft. Der Nachwuchskünstler aus Alemania ist von den Farben des Katalanen begeistert, kann mit dessen abstrakten Symbolismus aber noch nichts anfangen. Doch die Saat für ein neues gestalterisches Vokabular ist gesät, ebenso für das Verständnis, dass sich ein Bild erst während des Malens offenbart. Später wird er dies weiterführen und sagen: „Wenn ich eine Idee habe, muss ich sie sofort umsetzen. Dazu muss meine Seele frei sein. Man muss überhaupt frei sein.“ In Spanien begegnet der junge Keil auch zweimal Pablo Picasso, als er mit seinen Eltern einen Stierkämpfe besucht. Immerhin schüttelt er dem großen Idol, das von einer großen Entourage umgeben ist, die Hand.

 

Unterdessen setzt sich Keils Reifeprozess in Berlin an der Hochschule der Künste – 2001 wurde sie in „Universität der Künste“ umbenannt – fort. Während seines Studiums zwischen 1959 und 1961 lernt Keil Georg Baselitz, Markus Lüpertz und Eugen Schönebeck kennen, schließt Freundschaft mit Rainer Fetting, Salomé und Joachim Schmettau.

 

1961 ändert sich Berlin radikal. Am 13. August, genau eine Woche nach Keils Geburtstag, errichtet das SED-Regime die Mauer, West-Berlin wird zur einer Insel. Auf dieser Insel wächst eine neue Kulturszene heran. Eugen Schönebeck und Georg Baselitz präsentieren ihr „Pandämonium-Manifest“, mit dem sie gegen die etablierte Kunstformen aufbegehren, in Berlin-Schöneberg gründen 16 Künstler mit der Großgörschen 35 in einer ehemaligen Fabriketage eine Selbsthilfegalerie, und in der Kohlfurter Straße im Arbeiterviertel Kreuzberg nennt die Wirtin Hertha Fiedler ihre Kneipe in „Kleine Weltlaterne“ um, macht sie zu einem Szenetreff von kunstinteressiertem Publikum, alten und jungen Künstlern, die sich bei Bier und Schmalzstulle austauschen und auch mal einen über den Durst trinken. Mittenmang: Peter Robert Keil.

 

Der Künstler bezieht in der Kurfürstenstraße eine 350 Quadratmeter große Wohnung mit Atelier, nur wenige Häuser weiter wohnen und arbeiten Rainer Fetting und Salomé, beide Künstler sind damals ein Paar. Ebenfalls im Kiez befindet sich die Potsdamer Straße, das damalige Rotlichtviertel der halbierten Stadt. Keil hat keine Berührungsängste. Wenn er Kreidebilder aufs Straßenpflaster malt, geht er danach im Nachtclub von Rolf Eden eine Cola trinken. Über Fetting und Salomé, vor allem aber über den Drehbuchautor Harry Puhlmann bewegt er sich auch in Homosexuellenkreisen, erhält Eintritt in die Trocadero Bar und das Kleist Casino. Puhlman vermittelt ihm überdies seinen ersten Kunden, den Schauspieler Hubert von Meyerlinck.

 

Keil lebt das Leben eines Künstlers und Bohemiens. Unbefangen bewegt er sich zwischen den Welten, und hält doch immer Distanz. Bevor bei Salomé und Fetting die Party zu wild wird, steht er auf und geht. Auch in die Studentenbewegung der 68er lässt er sich nicht hineinziehen. Die Revolution mit intellektuellen Diskussionen und Mao-Bibel oder Kommunistischem Manifest unterm Arm ist seine Sache nicht. Er brennt für die Kunst, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Immerhin profitiert er von seiner Kontaktfreudigkeit und Unbefangenheit bei seinen Aufenthalten in den 70er Jahren in Paris und London. Besonders in Paris bewegt er sich ebenfalls in der Welt der Bohemiens. Zugleich entfernt er sich immer weiter von der realistischen Malerei hin zu einer individuellen Sprache in Stil und Farbgebung.

 

Ende der 70er Jahre prägen zwei entscheidende Ereignisse das Leben von Keil. In Berlin lernt er die junge Assistenzärztin Alla Gois kennen. Beide heiraten 1979, unter den Hochzeitgästen befindet sich auch der Filmproduzent Artur Brauner, der bereits einige Werke Keils besitzt. Alla entstammt einer jüdischen Familie aus Odessa, die mit der Familie von Elena Ivanovna Diakonova befreundet ist, besser bekannt als Gala Éluard Dalí. Das Paar reist nach Figueras zu einem Besuch der Freundin. Zu einem Austausch zwischen den Künstlern kommt es dabei nicht: Salvador Dalí erweist sich als verschlossen und unnahbar.

 

Durch seinen Aufenthalt in Paris und den Austausch mit Fetting und Salomé hat Keil indessen eine neue Art der expressionistischen Malerei entwickelt, die sich durch wilde Pinselstriche und kräftige Farben auszeichnet. Dieser neue Stil der Künstler wirft die kopflastige Malerei der 70er Jahre über den Haufen. Sie geht als „Heftige Malerei“ oder auch „Wilde Malerei“ und Keil als einer ihrer Vertreter in die Kunstgeschichte ein. In Michael Wewerka hat er einen Galeristen gefunden, der Keils Arbeiten 1985 in seiner Galerie in der Fasanenstraße ausstellt. Dann allerdings steigt Wewerka aus dem Galeriebetrieb aus, um in Spanien ein neues Leben zu leben. Das gesellschaftliche Leben in der Mauerstadt hat sich unterdessen in den Nachtclub von Romy Haag verlagert. Dort lernt Keil unter anderem David Bowie kennen und auch Andy Warhol. Den Pop-Art-Künstler besucht er später in New York, einmal malen beide sogar zusammen ein Bild.

 

 

In Berlin stehen auch für die Keils Veränderungen an. Ihr Domizil in der Kurfürstenstraße müssen sie wegen einer Stadtteilsanierung verlassen. Nach einem Intermezzo in Schöneberg finden sie für sich und ihre drei Kinder im Stadtteil Steglitz eine neue geräumige Bleibe mit Atelier. Dabei hilft das Glück gehörig mit: Die Maklerin ist eine ehemalige Klassenkameradin Keils aus Weddinger Zeiten. Doch das Glück ist vergänglich. 1986 wird Keil von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: Seine Frau Alla stirbt an den Folgen eines geplatzten Hirnaneurysmas. Drei Jahre lang ist Keil nicht in der Lage zu malen. Er lebt von der Unterstützung durch seine Mutter und hält sich und seine Kinder mit dem Verkauf von Bildern aus seiner Privatsammlung über Wasser, auch von den Zeichnungen, die ihm einst Miró geschenkt hat. Als Familienhelferin wird ihm eine junge Polin, Bogumila, zugeteilt. Aus der Hilfe wir mehr. Keil und „Bo“ heiraten, mit ihr hat der Künstler vier weitere Kinder. Damit die Kinder in geordneten Verhältnissen aufwachsen, zieht die Familie Mitte der 90er Jahre nach Zimmerau Unterfranken. Zeitgleich baut sie sich ein Standbein in Hollywood, Florida auf. Heute lebt und arbeitet Keil an beiden Orten. Noch einmal trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag: 2002 stirbt sein ältester Sohn, und wieder ist es seine Frau Bo, die ihm darüber hinweghilft.

 

Bei allen Höhen und Tiefen ist Keil sich und seiner Kunst treu geblieben. In ihr hat er sich immer seine Unabhängigkeit und Vielseitigkeit bewahrt. Ob Kunst auf Leinwand oder Papier, ob Majolika oder bemalte Bettlaken: Seine Lust am Kreieren sprudelt immer noch. Und was kann man von einem Künstler, der nie auf den großen Kommerz aus war, schöneres hören als dies: „Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Wobei es nicht schlecht wäre, wenn man mehr hätte.“

 

Martin Breuninger

 

 

 

Dieses Interviews führte Herr Martin Breuninger mit Peter Robert Keil im August 2017 auf Mallorca.